Wie ein Start-Up aus Niederösterreich Plastik wieder wertvoll macht

© Plasticpreneur

Das Sozial-Startup “Plasticpreneur” bietet innovative Lösungen für das Recycling von Kunststoffen in kleinem Maßstab an. Die mobilen Maschinen ermöglichen es, ganz einfach von überall her mit dem Plastik-Recycling zu starten.

Unsere Welt ist mittlerweile voll von Plastik: Jedes Jahr werden weltweit sage und schreibe 400 Millionen Tonnen Plastik produziert, wovon ein Großteil bereits nach einmaliger Nutzung in der Mülltonne landet. Man nehme das Beispiel Plastiktüten: Alleine in Österreich werden jedes Jahr eine Milliarde Plastiktüten ausgegeben, wovon 9 von 10 Tüten nur ein einziges Mal benutzt werden und dann direkt im Müll landen. Die weltweite Corona-Pandemie mit seiner Vielzahl an Einmalprodukten wie Gesichtsmasken und Handschuhen hat diesen Effekt in den vergangenen Monaten im Zweifel eher noch verstärkt.

In Österreich landen 9 von 10 Plastiktüten nach einer Anwendung im Müll

Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch und leider überhaupt nicht nachhaltig. Denn so praktisch der Kunststoff unseren Alltag auch oftmals gestaltet, so schwierig ist der Abbau des langlebigen Materials. Daher ist es umso wichtiger, das Material mehr als einmal zu nutzen und möglichst oft zu recyceln. Doch leider werden aktuell lediglich neun Prozent des Kunststoffabfalls weltweit recycelt. Und das obwohl sich sich die Kunststoffe hervorragend zum Recyceln eignen und sogar als Material in der Kreislaufwirtschaft infrage kommen. Denn theoretisch könnte man Plastik immer wieder wiederaufbereiten.

Ein Sozialunternehmen aus Niederösterreich hat sich nun auf den Weg gemacht, dieser Problematik auf innovative Art und Weise ein Ende zu bereiten: “Plasticpreneur” bietet Lösungen für das Recycling von Kunststoffen in kleinem Maßstab an. Das Unternehmen produziert mobile Maschinen, mit denen man ganz leicht von überall aus mit dem Plastik-Recycling starten kann. Seit der Gründung finden die Produkte des Sozial-Start-Ups schon in mehr als 55 Ländern auf fünf verschiedenen Kontinenten eine breite Anwendung.

 

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Lösungen für das Plastik-Recycling in kleinem Maßstab

Offiziell gegründet wurde Plasticpreneur Anfang 2020 von einem Team aus vier Leuten, nachdem einer der Gründer aus einem Urlaub aus Uganda zurückkehrte. Dort machten ihn die Locals auf eine ganz weitere Problematik mit den Kunststoffen aufmerksam. So wird ein Großteil des weltweit anfallenden Plastikmülls in eine Vielzahl afrikanischer Länder, darunter auch Uganda, importiert. Doch fehlende Recyclinganlagen vor Ort und ein geringes Know-How und Bewusstsein führen dazu, dass dort nur ein Bruchteil des Plastiks wiederverwendet wird.

Lineale, Abakusse und personalisierte Rucksäcke aus Plastikabfällen

Die Idee zu Plasticpreneur und den mobilen Plastik-Recyclingmaschinen war geboren. Schon bald folgten erste Prototypen an Recyclingmaschinen und mit ihnen erste aufbereitete Produkte aus Kunststoff. Darunter beispielsweise Lineale und Abakusse, die direkt in den Schulen Ugandas sinnvoll eingesetzt werden konnten. Es entstanden sogar einfache Schultaschen, die den Tascheninhalt effektiv vor Regen schützen. Die Taschen kamen sehr gut bei den Kindern an und schon bald sammelten einige von ihnen selbst Plastikmüll wie Erdbeer-Joghurtbecher zusammen, um ihre Rucksäcke ganz nach ihren Wünschen personalisieren zu können.

Die mobilen Maschinen von Plasticpreneur ermöglichen eine Vielzahl von Produkten und der Fantasie sind quasi keine Grenzen gesetzt. So verwundert es auch nicht, dass das soziale Start-Up im Zuge der Corona-Pandemie erneut kreativ wurde: Mit ihrem Face Shield Production Kit wird eine dezentrale Produktion für die persönliche Schutzausrüstung ermöglicht. Denn der globale Bedarf an Face Shields ist groß, gleichzeitig können sich viele es schlichtweg nicht leisten. Deshalb gibt Plasticpreneur für jedes gekaufte Gesichtsschutzschild einen kostenlos an eine bedürftige Person ab. 

Ein Großteil der Face Shields wurde an die lokale Bevölkerung gespendet

Auf diese Weise wurden mit den mobilen Maschinen von Plasticpreneur bis heute mehr als 60.000 Face Shields in zehn verschiedenen Ländern produziert, wovon ein Großteil an die lokale Bevölkerung gespendet wurde. Ein netter Nebeneffekt ist, dass dadurch inmitten der Krise mehr als 100 Jobs geschaffen werden konnten. So fand beispielsweise auch Benja aus Entebbe, Uganda eine Anstellung bei Plasticpreneur.

 

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Dabei ist das Vorgehen, um neue Plastikprodukte herzustellen, immer gleich: Nachdem genügend Plastikmüll gesammelt ist, wird dieser gewaschen, nach Farben sortiert und anschließend mit den Plasticpreneur-Maschinen zu einem feinen Granulat geschreddert, welches man schließlich zu einer Vielzahl von Produkten weiterverarbeiten kann. 

Die mobilen Maschinen sind durchdacht, CE-zertifiziert und handgefertigt

Alle Maschinen sind CE-zertifiziert und werden in Österreich handgefertigt. Dabei bestehen die Maschinen überwiegend aus Sperrholz; einer erneuerbaren Ressource mit geringem Energieaufwand, das gleichzeitig leicht und robust ist und sich so ideal für den globalen Versand eignet. Nach dem Circular-Design-Ansatz sind alle Maschinen für den langlebigen Gebrauch gedacht und alle Teile lassen sich leicht reparieren und austauschen. Gleichzeitig lassen sich die einzelnen Teile ohne umfangreiche Schulung ganz leicht vor Ort montieren, bedienen und auch in abgelegenen Gebieten ohne erweiterte Infrastruktur eingesetzt werden. Denn neben motorbetriebenen Maschinen hat Plasticpreneur auch manuelle Recyclingmaschinen im Sortiment. Diese machen Plastik-Recycling selbst in Regionen mit begrenzter Stromzufuhr möglich.

Schließlich vermittelt Plasticpreneur wichtige sozialunternehmerische Skills

Dank des leidenschaftlichen Einsatzes von Plasticpreneur hilft das Sozialunternehmen am Ende nicht nur dabei, die Umwelt vom Plastikmüll zu befreien und CO2-Emissionen einzusparen, sondern schafft überdies ein besseres Bewusstsein für das Thema. Neben der Bildungsarbeit vermittelt das Wiener Unternehmen auch wichtige sozialunternehmerische Fähigkeiten, die für den Aufbau eines funktionierenden Recyclingzentrums und die Herstellung nützlicher Produkte nötig sind. Um eine nachhaltige Denkweise mit systemischer Wirkung zu erzielen, stehen in den Workshops Kreativität und innovatives Denken an erster Stelle. Für ihre wertvolle und ganzheitliche Arbeit wurde Plasticpreneur zuletzt mit dem TRIGOS Award 2021 im Bereich “Internationales Engagement” ausgezeichnet.

 

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Dr. Andreas Renner, Co-Founder Gexsi: andreas@gexsi.com